Der Kuss der Lüge & Ich

Wie viele von euch bereits mitbekommen habe, pflege ich zu meiner Familie kein besonders enges Verhältnis. Um ehrlich zu sein: Wir pflegen eigentlich überhaupt keins. Das macht mich sehr traurig und ist sicherlich auch die Ursache einer Reihe von Problemen, die ich heute so habe.
Letzte Woche hab ich zum ersten Mal seit einer Ewigkeit wieder mit meiner Oma telefoniert und sie versteht das nicht. Sie liebt mich doch und mein Papa liebt mich auch. Warum können wir nicht einfach 1x in der Woche telefonieren und nett quatschen, so wie andere Omas und Papas das mit ihren Kindern machen? Ich wusste nicht recht, wie ich ihr das erklären sollte, ich wusste überhaupt nicht, was ich sagen sollte. Wenn ich ihr erzähle, dass es Probleme mit meinem Server oder meiner Kamera gibt, versteht sie es nicht. Wenn ich ihr erzähle, dass ich mir Sorgen um meine Zukunft mache, aber trotzdem nicht zur Uni gehen kann, versteht sie es nicht. Das wäre ja auch nicht schlimm, denn Großmütter müssen auch nicht von allem eine Ahnung haben.

Wenn ich ihr sage, dass ich mir einen Hund anschaffen möchte, weil ich einsam bin, versteht sie es aber auch nicht. Wenn ich ihr mitteile, dass ich in eine andere Stadt ziehen will, weil mir München zu klein geworden ist, versteht sie es nicht. Sie weiß auch nicht, was ich meine, wenn ich sage, mir geht es manchmal wirklich ziemlich schlecht. Sie versteht nicht, dass ich oft krank bin, dass ich Freundschaften kündige, dass in meiner Wohnung immer Chaos herrscht, dass 800€ nicht ausreichen, um in München zu überleben; sie versteht überhaupt nicht, wer ich eigentlich bin.
Wenn ich mit ihr rede, muss ich immer so tun, als wäre ich jemand anderes, sonst eskaliert das Gespräch. Ich kann nicht sagen, was mich wirklich beschäftigt, weil ich bei Reaktionen wie „sei doch mal zufrieden mit dem, was du hast“ oder „reiß dich mal zusammen“ aus der Haut fahre.

Ich weiß sehr genau, wo meine Probleme liegen und ich weiß auch, warum ich mich meiner Familie so fremd fühle. Sie sind irgendwie anders als ich und ich weiß bei Gott nicht, wie und wann das passiert ist – vermutlich schon vor meiner Geburt. Warum hatte ich nie Spaß an Dingen wie Fangen spielen, Mensch-Ärgere-Dich-Nicht oder Grillen im Hof? Warum war ich nie Teil des Ganzen, nie wirklich Teil von irgendetwas? Alle schienen zufrieden, nur ich nicht. Ich habe mich so sehr angestrengt, glücklich zu sein, aber es passierte einfach nicht. Ich habe auf meine Schwestern geschaut, die im Sommer stundenlang im Bikini in der Sonne lagen und sich über das Wetter und den Duft der Gräser freuen konnten. Ich habe mich dazugelegt und angestrengt versucht, das Gleiche zu fühlen, wie sie, aber da war einfach nichts.  Es war nahezu egal, was wir taten, wohin wir gingen und wen wir trafen – mir war einfach immer langweilig. Ich sah immer und überall nur ein riesengroßes Loch, das nichts und niemand füllen konnte und je länger ich meinen Kopf nicht aktiv beschäftigte, desto tiefer schien ich darin zu versinken. Dass ich unglücklich war, habe ich auch zum Ausdruck gebracht und zwar vehement.

Ich war immer diejenige, die nur am Nörgeln war. „Mir ist langweilig“, „ich hab Hunger“, „wann gehen wir endlich“, „wann sind wir endlich fertig“, „wann sind wir endlich da“… Immer und überall zog ich ein Gesicht und egal, was wir gerade machten, ich drängte immer und wollte etwas anderes. Die ersten 19 Jahre meines Lebens habe ich damit verbracht, verzweifelt nach etwas zu suchen, das meinen Schmerz zumindest ein kleines bisschen besser machte. Ich wusste nicht einmal, dass es überhaupt Schmerz war und dass ich vor etwas davonlief, es fühlte sich nur so an, als würde ich seit Jahren im Wasser zappeln und in der nächsten Sekunde ertrinken. Ich war die, die den anderen den Tag vermieste, weil ich immer schlechte Laune hatte. Man hat sich über mich geärgert und verständnislos den Kopf geschüttelt, weil ich mich immer widersetzte und alle stellten sich immer nur diese eine Frage: Warum ist jeder mit der Situation zufrieden, außer Franzi?
Naja, die naheliegende Erklärung war die, dass ich einfach ein unzufriedener, böser Mensch sein musste. Wenn es jedem gut geht, außer mir, muss schließlich ich das Problem sein. Das wäre auch verständlich gewesen, jeder hätte so über mich denken können. Aber sollten die Menschen, die dich am meisten auf der Welt lieben, nicht davon überzeugt sein, dass du etwas Besonderes bist? Sollten deine nächsten Angehörigen nicht selbstverständlich wissen, dass etwas nicht in Ordnung sein muss, wenn du dich so verhältst? Dachten sie, mir macht das Spaß und ich bin gerne der Bu-Mann? Wenn ich wirklich wichtig gewesen wäre, hätte man dann nicht einmal versucht, hinter die Fassade zu blicken und mich gefragt, warum ich immer entweder wütend, teilnahmslos oder melancholisch war?

Ich steckte in dieser Rolle so tief drin, dass ich ja selbst glaubte, bei mir sei etwas schief gelaufen. Egal wo ich  hinkam, reagierten alle gleich: Mit Kopfschütteln. Ich war fest davon überzeugt, dass die Gefühle, die ich hatte, FALSCH waren und dass ich sie gar nicht haben DURFTE. Jeden Tag habe ich dagegen gekämpft, habe nach Dingen gesucht, die mir Spaß machten. Ich habe alles ausprobiert: Reiten, Turnen, Fußball, Ballett, Pfadfinder, Leichtathletik, Zeichnen, Malen, Zeltlager hatte Hunde, Katzen, Fische, Hamster, Mäuse, Hasen, eine Playstation, einen Fernseher, 1 leibliche Schwester, 3 Stiefschwestern, 2 eigene Zimmer in 2 verschiedenen Häusern und auch ansonsten alles, was ich brauchte.

Was ich nicht hatte, war auch nur ein einziger ein Mensch, der mich so gesehen hat, wie ich war. Der mir vertraut und mir geglaubt hat, dass ich bereits alles tat, was ich konnte, um mich zusammenzureißen. Dass ich alles tat, was ich konnte, um nicht in meinem Loch zu versinken. Ich hatte niemanden, der alle Vorurteile über Bord warf und es wagte zu glauben, dass da mehr sein musste, dass ich vielleicht wirklich jeden Tag und in jeder Sekunde einen Kampf um Leben und Tod mit mir selbst ausmachte. Dass ich vielleicht einfach anders war.

Alle fanden es seltsam, dass ich nie in den Arm genommen werden wollte. Welches Kind reagiert schon permanent mit „wääääh geh weg, lass mich“, wenn Mama oder Papa ihm zu nahe kommt? Ja, ich war eindeutig seltsam, ein Problemkind, nichts weiter. Schließlich hatte ich meinen Eltern schon immer Kummer bereitet, denn kaum war ich auf der Welt, hab ich natürlich Tag und Nacht geschrien. Ich habe alles getan, um meiner alleinerziehenden Mutter das Leben schwer zu machen und ich war der Grund, warum sie unzufrieden und dauerhaft gestresst war. Sie hat das nie gesagt, aber ich fühlte es. Ich schämte mich dafür, dass ich überhaupt da war. Dass ich ihr im Weg stand, dass sie für mich kochen und meine Schulbücher bezahlen musste und dass ich mich bei Ärzten daneben benahm, weil ich furchtbare Angst hatte und sie mich schon als Baby nicht beruhigen konnte. Sie hat alles getan, was sie objektiv betrachtet tun musste; keinen Schritt mehr. Sie hat mich dafür verachtet, dass sie sich um mich kümmern musste und deshalb habe ich eigentlich schon immer lieber alles alleine gemacht und wurde früh selbstständig. Könnt ihr euch vorstellen, wie es ist, wenn man permanent das Gefühl hat, für diese einzige Person, die man über alles liebt, eine Last zu sein? Der Dorn im Auge, der Klotz am Bein, das Haar in der Suppe. Ich war diejenige, die ihr Leben zerstört hat. Ein Kind versteht das nicht, es fühlt nur mit jeder Faser seines Herzens, dass es das nicht überleben wird.

Wenn sie das liest, wird sie sich darüber ärgern und schimpfen. Sie wird natürlich den Kopf schütteln und sagen, dass ich übertreibe, dass alles gar nicht so schlimm war und dass das beim besten Willen nicht in die Öffentlichkeit gehört. Vielleicht tut es das auch nicht. Aber ich finde, ich habe ein Recht darauf, zu sagen, wie ich die Dinge sehe. Ich werde es immer wieder versuchen und es ihr so lange unter die Nase reiben, bis sie es versteht. Bis sie endlich einmal Abstand von dem Gedanken gewinnt, dass ICH das Problem bin. Bis sie mir ein einziges Mal nur beweist, dass ich ihr wirklich wichtig bin. Im persönlichen Kontakt hört mir sowieso keiner richtig zu und ich weiß, dass meine Familie meinen Blog auch liest. Es ist mir wahrhaftig egal, was andere über uns denken und wenn ich das Bedürfnis habe, über dieses Thema zu schreiben, dann mache ich das auch. Wenn es mir dabei hilft, Dinge zu verarbeite, dann mache ich das auch. Ich habe aufgehört, mich für irgendetwas zu schämen und da ich wirklich immun gegen die negative Meinung fremder Menschen über meine Blogposts & mein Leben bin, kann ich diesen Beitrag getrost veröffentlichen. Meine Langzeit-Follower werden das verstehen, meine Freunde sowieso und über alle anderen mache ich mir keine Gedanken.

Inspiriert wurde ich zu diesem Text übrigens von einem Buch, das den Titel „Der Kuss der Lüge – Die Chroniken der Verbliebenen“ trägt. Eigentlich sollte dieser Post nicht so ausarten, aber wenn man schon mal im Flow ist… 😀  Das Buch handelt von Lia, eine Königstochter, die mit gerade mal 17 Jahren mit einem Prinzen verheiratet werden soll, den sie bis dato nicht einmal persönlich kennt. Auch sie wurde von ihrer Familie nicht wirklich verstanden und fasst sich deshalb ein Herz um vor ihrem Schicksal zu fliehen. In einer Taverne trifft sie schließlich auf 2 Männer, wobei es sich bei einem der beiden um genau den Prinzen handelt, der für Lia auserwählt wurde, wovon sie aber natürlich bis zuletzt nichts ahnt. Von da an beginnt eine spannende Reise der Protagonistin, die für ihre Unabhängigkeit kämpft und ihr Leben als Prinzessin bewusst hinter sich lässt, was jedoch nicht leicht ist, denn sie wird auf ihrem Weg immer wieder mit ihrer Vergangenheit konfrontiert.
Es erfordert eine Menge Mut, Willensstärke, Selbstständigkeit und vor allem Kraft, sich – aus welchen Gründen auch immer – von der eigenen Familie abzuwenden und ich kann mich mit Lia in diesem Punk zu 100% identifizieren. Außerdem stellt sie eine intelligente, großherzige, junge Frau mit erfrischendem Charakter da, was mir an dem Buch besonders gut gefällt.
„Der Kuss der Lüge“ ist eine 4-teilige Buchreihe, die in den USA zu den Bestsellern gehört; bei uns ist jedoch lediglich Band 1 („Die Chroniken der Verbliebenen“) und ab dem 26.5. auch Band 2 („Das Herz des Verräters“) erhältlich. Da ich wirklich kaum noch Zeit zum Lesen habe, bin ich mit dem ersten Buch noch nicht ganz durch, kann es aber allen Leseratten nur ans Herz legen  😉
Kaufen könnt ihr es hier: http://bit.ly/KussDerLüge !!

 

 

Ich habe letztendlich mit meiner Oma geredet und hatte zum ersten Mal das Gefühl, dass sie versucht, mich zu verstehen. Sie denkt immer, dass sie meine Sorgen bereinigen muss, wenn sie erkennt, dass welche da sind, aber dem ist nicht so. Es gibt leider nicht für jedes Problem eine Lösung und auch wenn es kaum aushaltbar ist, muss man sich manchmal eingestehen, dass es schlimm war, schlimm ist und vielleicht auch noch eine ganze Weile schlimm sein wird. Ich verlange überhaupt nicht, dass man mir Geld schickt, sich meiner Sorgen annimmt oder sonst irgend etwas für mich tut. Ich wünsche mir lediglich, dass man anerkennt, dass es so war und mich endlich einmal so sieht, wie ich bin. Dass man mich nicht immer nur fragt „spinnst du?“, sondern einfach mal „warum?“

 

 

Mehr zum Thema findet ihr auch in diesem Post.

In Kooperation mit dem ONE Verlag (Bastei Lübbe)

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11 Discussion to this post

  1. Eve sagt:

    Wow, ich kann kaum fassen, wie du gerade mein eigenes Leben beschrieben hast! Ich finde es mutig und richtig, dass du es aufgeschrieben hast. Respekt! Vielleicht schaffe ich es auch irgendwann…

    Liebsten Gruß
    Eve von http://www.eveblogazine.com

    • Franziska Elea sagt:

      Wirklich??? Ich habe auch echt lange gebraucht, um mich zu überwinden. Aber was raus muss, muss raus 😀 Schicke dir ganz viel Kraft und Sonne <33

  2. Hey Franzi, einige Themen über die du schreibst kommen mir sooo bekannt vor 😉
    Lass uns doch mal wieder einen Kaffee trinken gehen.

    Liebe Grüße
    Annika

    http://www.fashiontravelstar.com

  3. Eva sagt:

    Ein sehr berührender und ehrlicher Post, ich bewundere dich echt dafür, dass du sowas einfach so online stellen kannst und dich quasi traust dich so ‚verletzbar‘ zu machen, bzw. bewundere ich dich noch mehr dafür, dass es dich eben nicht verletzbar macht, weil du darüber stehst! Weiter so, Maus!
    Ich hoffe wir sehen uns bald wieder und können mal wieder in aller Ruhe quatschen!
    Liebe Grüße und fühl dich gedrückt (auch wenn du nicht gern gedrückt wirst:D )
    Eva

    http://www.eva-jasmin.de

    • Franziska Elea sagt:

      Danke Eva, ja manchmal kostet es mich echt Überwindung aber ich habe wirklich gemerkt, dass mich viele Dinge verletzen können und dass die Meinung von „Hatern“ echt nicht dazu gehört 😀 Ich stehe zu meinen Gefühle und zu dem, was ich schreibe, gerade weil ich euch ja erklären kann, warum es so ist und wie es dazu kam. Dann verstehen das eigentlich alle und ich werde deshalb auch nie angegriffen – außer von einer Person, aber der ist echt ein bisschen krank und es ist echt nur noch lustig 😀
      Komm uns mal wieder besuchen!! Miss u <3

  4. Loonymadame sagt:

    Ich kann deine Gedanken gut nachvollziehen und genauso, dass du dich darüber ärgerst das keiner mal nach dem „Warum?“ fragt. Es gibt auch einige Parallelen zu meinem Leben und meinem Verhältnis zu meinen Großeltern. Die Einen kenne ich gar nicht, mit den Anderen habe ich auch eher selten Kontakt. Ich frage mich auch oft, ob es an mir liegt oder ob mit mir etwas nicht stimmt, wenn Leute sich abwenden oder mich nicht verstehen, deswegen finde ich es wirklich beeindruckend, wie du zu deiner Meinung stehst und dich nicht verbiegen lässt, sondern einfach du bist. Bei mir wird es doch noch etwas dauern bis ich mich selbst akzeptieren kann.

    Mach weiter so, ich finde du bist eine tolle Persönlichkeit!

    Liebe Grüße Lisa

    • Franziska Elea sagt:

      Ja, das ist echt blöd und total schade für dich :(( Ich arbeite einfach täglich daran und habe Unterstützung, es ist manchmal ganz schön schwer, den Tatsachen ins Auge zu blicken. Ich hoffe, du hast Eltern und Freunde, die dich verstehen und wünsche dir alles Liebe :**

  5. Calliope sagt:

    Auch ich finde es total mutig, dass du so einen persönlichen Text gepostet hast. Irgendwie fühlt man sich nicht mehr ganz so einsam, wenn man liest, dass andere Menschen genau die selben oder ähnliche Probleme haben, wie man selbst. Ich wünsch dir jedenfalls nur das Beste und dass du irgendwann vielleicht damit abschließen kannst. Wobei ich natürlich weiß, dass sowas viel Arbeit & Zeit verlangt, vor allem wenn man solche negativen Gefühle für eine so lange Zeit in sich trug. Aber ich denke, dass es in deinem Fall ganz gut war, dass du nach München gezogen bist und dich somit von der ganzen Sache zumindest räumlich distanziert hast. Sowas bringt manchmal mehr, als man denkt.

    LG Calliope

  6. Malina sagt:

    Super inspirierender Post ! Ich hab zwar nicht solch ein Problem wie du, aber ich glaube in jedem von uns steckt etwas, das wir einfach nicht aussprechen können.

  7. eleonora sagt:

    Wow, Respekt für diesen persönlichen Post! So etwas online zu veröffentlichen muss man sich auch erst einmal trauen, finde dich sehr mutig und stark! 😳 Es tut mir Leid, dass du kein gutes Verhältnis zu deiner Familie hast…aber ich denke du hast auch genug andere Menschen um dich, die für dich „Familie“ sind 😜

    Liebe Grüße,
    Eleonora von from the outset // personal lifestyle blog

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